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Aufschieberitis? Nein: Prokrastination

Ich hätt´ da mal ´ne Frage: Was täten Sie, wenn Ihnen ein Freund – er ist schon beachtlich in sein neuntes Lebensjahrzehnt hineingereift, nachdem er als Architekturprofessor und Kükelhaus-Schüler Spuren hinterlassen hat –, wenn Ihnen ein solcher Freund vor Begeisterung glühend die Kapitelüberschriften eines Buches vorläse, dessen Lektüre er gerade beendet hat? Und ergriffen erzählte, dass er – endlich! – Frieden geschlossen habe mit dem Chaoten, der nun mal leider Gottes auch in ihm wohne, den er aber ein Leben lang nicht zu akzeptieren gewagt habe?

Sie täten vermutlich dasselbe wie ich.
Sie bestellten das Werk.
Und zwar stante pede.

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Der Titel klingt verheißungsvoll: „Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin“. Kompliment, die Autoren Kathrin Passig und Sascha Lobo wissen zugkräftig zu titeln und witzig zu schreiben (was sie schon seit geraumer Zeit im preisgekrönten Weblog Riesenmaschine demonstrieren). Drei der griffigen Kapitelüberschriften mögen Ihnen einen Eindruck vermitteln:
„Übernächster Mittwoch ist auch noch ein Tag – Wissenswertes über Prokrastination“
(Prokrasti was bitte? Ging mir auch so. Mehr dazu drei Zeilen weiter unten.)
„9 to 9:05 – Weniger arbeiten ist mehr arbeiten“
„Jedem Ende wohnt ein Zauber inne – Aufgeben, der schnelle Weg zum Sieg“

Nicht übel, oder? Auch wenn ich „Prokrastination“ noch nie gehört hatte, kam mir das Phänomen nach erhellender Begriffsklärung jedoch irgendwie bekannt vor. Gemeint ist nämlich ein „nicht zeitmangelbedingtes, aber umso qualvolleres Aufschieben dringlicher Arbeiten in Verbindung mit manischer Selbstablenkung, und zwar unter Inkaufnahme absehbarer und gewichtiger Nachteile.“ Womit schlagartig deutlich wird, wie verharmlosend die deutsche Umgangssprache ist, wenn es um „Aufschieberitis“ geht.

Tatsächlich ist mir mit „Dinge geregelt kriegen …“ erstmals eine Art Ratgeber untergekommen, der nicht an mir herumdoktert und mir milde lächelnd klar machen will, dass ich doch nur hier dieses tun und dort jenes lassen müsste und dann kriegte ich das mit den Bücherstapeln und den überquellenden Hängeregistern und alles Andere sowieso locker in den Griff. Nein, die Autoren sind Profis. Verständnisvolle Betroffene sozusagen. Wie Millionen und Abermillionen andere auch. Sie wissen, dass Selbstdisziplin eine Kettensäge ist, mit der man „ganze Wälder voller Bäume fällen, sich aber auch nebenbei ein Bein amputieren“ kann.

Okay, gegen Ende des Buches wiederholt sich dann doch der ein oder andere Gedanke. Und auch der Sprachwitz ist naturgemäß nicht mehr so taufrisch wie auf den ersten 100 oder 200 Seiten. Dennoch gebührt dem Duo Passig/Lobo unbedingt eine dauerhafte Platzierung auf einer der einschlägigen Bestsellerlisten, allein schon wegen Seite 172. Denn dort ist eine folgenreiche Erkenntnis vermerkt: „Wir sind hier auf Erden, um rumzulungern“.

Nachtrag:
Es soll eine Taschenbuchausgabe erscheinen.


Erstellt am: 9.06.09

 

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